Vorübergehende Amnesie: Ein Tag ohne Gedächtnis (2024)

Ein Neurologe verliert bei einer Kanutour seine Erinnerung. In einem Erlebnisbericht schildert er das Ereignis und erklärt, was bei einer solchen Amnesie im Gehirn passiert.

Magnus Heier

Drucken

Vorübergehende Amnesie: Ein Tag ohne Gedächtnis (1)

Für mich war es nur ein diffuses Gefühl der Unsicherheit, aber ich hatte mein Gedächtnis verloren. Es passierte bei einer Kanutour in den Ferien in Finnland. Die Erinnerung daran fehlt bis heute. Ab einem gewissen Zeitpunkt konnte ich mir nichts Neues mehr merken. Das Gespräch vor zwei, drei Minuten vergass ich, wie die Erinnerung an die soeben getrunkene Tasse Kaffee. Ich trank eine weitere und noch eine. Insgesamt fünf, wie meine Familie mir später erzählte.

Das Kurzzeitgedächtnis speichert normalerweise einen definierten, wenige Minuten langen Zeitraum. Bei mir hielt es nur noch einen einzigen Gedanken lang. Sobald der Gedankenfluss unterbrochen wurde, war die Erinnerung weg. Nicht gelöscht, sondern gar nicht erst aufgezeichnet. Aber auch an frühere Ereignisse erinnerte ich mich teilweise nicht mehr.

Gedächtnisverlust am Meer

Das Phänomen hat einen wissenschaftlichen Namen: TGA, transiente globale Amnesie – vorübergehender globaler Gedächtnisverlust. Wobei global heisst, dass das Gedächtnis vor und vor allem nach dem Ereignis betroffen ist, das zum Ausfall führte. Ein populärer zweiter Name, «amnesia by the seaside», Gedächtnisverlust am Meer, sagt mehr über den Auslöser aus, denn der Ausfall tritt gehäuft nach dem Schwimmen in kaltem Wasser auf. Des Weiteren können auch heiss Duschen, schweres Heben oder Sex einen solchen Ausfall verursachen. Gemeinsam ist diesen Situationen, dass sich dabei im Oberkörper ein erhöhter Druck aufbauen kann.

In meinem Fall dürfte das Heben des Paddelboots der Anlass gewesen sein. Ich konnte mir zwar nichts mehr merken, aber alle anderen geistigen Fähigkeiten – Sprechen, Denken oder die Bewegungssteuerung – waren ungestört. Ich habe auch meine Situation begriffen und als Neurologe ein paar Tests der Hirnnerven gemacht, ähnlich, wie ich es bei meinen Patienten tue. So prüfte ich etwa die Beweglichkeit meiner Augen und berührte die Nasenspitze bei geschlossenen Augen mit dem Zeigefinger. Allerdings wiederholte ich die gleichen Tests unzählige Male.

Was ich nicht konnte, war, meine eigene Erinnerung zu testen. Ist sie weg, fehlt auch das Gefühl, dass etwas fehlt. Ohne meine Familie hätte ich meinen Ausfall nicht bemerkt. Fast schon ein Beweis für die Diagnose TGA ist ein typisches Verhalten der Patienten: Sie stellen im Minutentakt die immer gleichen Fragen in immer gleichem Tonfall - wie eine Schallplatte mit Sprung. In meinem Fall war das die Frage, in welches Krankenhaus wir fahren. Wir fuhren in die nächstgelegene grössere Stadt, nach Hämeenlinna.

Von Arzt zu Arzt

Im Krankenhaus habe ich auf Englisch mit dem aufnehmenden Mediziner diskutiert: von Arzt zu Arzt. Und ich habe ihm gesagt, dass er ganz offen mit mir reden könne. Allerdings wiederholte ich das ständig. Er war geduldig. Den finnischen Ärzten war das Phänomen bekannt, und entsprechend reduziert war ihr weiteres Vorgehen: Nach einigen Untersuchungen – einem EKG zum Ausschluss von Vorhofflimmern und einem Computertomogramm zum Ausschluss einer Gehirnblutung – passierte nicht mehr viel. Ich blieb über Nacht im Aufnahmebereich der Klinik und wurde gar nicht erst auf eine Station verlegt.

Meine Familie erzählte mir später, dass ich in den folgenden Stunden versuchte, mein Gedächtnis zu kartieren. Demnach wollte ich herausfinden, was fehlte und was da war, um eine Systematik der Ausfälle zu entdecken. Ich wusste etwa, dass eine alte Freundin schwer krank war – aber war sie verstorben? Irgendwie stand die Rückreise an – aber wie und wann? Vermutlich drehten sich die Gedanken in einer Endlosschleife. Und vermutlich habe ich den medizinischen Übersichtsartikel über die TGA, den man mir kopiert hatte, auch immer wieder gelesen. Logisch denken konnte ich – mir war klar, dass die Frage des Arztes: «Erinnern Sie sich an mich?» nur heissen konnte, dass ich mich erinnern müsste. Aber ich erinnerte mich nicht.

In der Nacht, etwa acht Stunden nach Beginn der Ausfälle, kam die Fähigkeit, mir Neues zu merken, allmählich zurück. Auch die älteren Erinnerungen waren wieder da: Die Freundin war tatsächlich verstorben. Und die Rückreise war für diesen Tag geplant, per Fähre von Helsinki nach Travemünde. Was blieb, war eine Gedächtnislücke von etwa 8 Stunden. Anstatt einer Erinnerung an die Paddeltour bleiben mir nur die selbstgemachten Fotos.

Doch was war in meinem Gehirn passiert? Ich selbst hatte die Befürchtung, eine transiente ischämische Attacke zu haben – eine Art kleinen Schlaganfall, der nach maximal 24 Stunden folgenlos vorbei ist. Nicht zu dieser Diagnose passte aber, dass ich sonst keine Ausfälle hatte – nur die Gedächtnisstörung. Diese verweist auf Hirnstrukturen, die bei der Gedächtnisbildung involviert sind: die Hippocampi. Benannt nach den Seepferdchen, deren Form sie verblüffend ähneln. In dieser paarig tief im linken und rechten Gehirn liegenden Struktur wird das Gedächtnis gebildet. Nicht ultrakurze Erinnerungsfetzen wie das Beenden eines Gedankens oder das Austrinken eines Kaffees. Erst wenn die Erinnerung über den Moment hinaus gespeichert wird, sind die Hippocampi beteiligt. Hier müsste der Fehler liegen, der mich die Paddeltour und die vorherige Kaffeetasse vergessen liess.

Tatsächlich kann man bei einer TGA mithilfe einer Kernspintomografie oft eine wenige Millimeter kleine Veränderung in dieser Hirnregion sehen. Dirk Sander, der Leiter der Neurologie am Benedictus Krankenhaus in Tutzing, sagt: «Wir beobachten in etwa der Hälfte der Fälle ein Signal im hinteren Arm des Hippocampus, davon etwa je zu einem Drittel links, rechts oder beidseitig.» Jedoch sind die Veränderungen, wenn überhaupt, frühestens 12 Stunden nach Beginn der Störung nachweisbar - zu einer Zeit, in der das Gedächtnis längst wieder funktioniert.

Die Regisseure der Erinnerung

Doch etwas war merkwürdig und gab mir zu denken. Der Hippocampus ist entscheidend für die Gedächtnisbildung. Hier werden sensorische Eindrücke, wie etwa Sehen, Hören, Riechen und Fühlen, zusammengeführt, verarbeitet und zur Speicherung weitergeleitet. Über einen längeren Zeitraum werden die Erinnerungen immer wieder überarbeitet, wie bei einem Film. Der Regisseur bearbeitet einen Rohschnitt viele Male, bis ein «Final Cut», eine endgültige Filmversion, vorliegt. Die Regisseure der gespeicherten Erinnerungen sind die zwei Hippocampi. Nach maximal einem Jahr ist dieser Vorgang abgeschlossen, und die Gedächtnisinhalte werden in verschiedenen Hirnregionen abgelegt. Von diesem Moment an sind die Hippocampi nicht mehr beteiligt.

Alte Erinnerungen sollten von einer Schädigung der Hippocampi also nicht betroffen sein. Bei mir waren aber auch ein paar der wichtigsten Lebensdaten betreffend die Familie und den Wohnort auf merkwürdige Weise verschwommen. Und das passiert bei einer TGA häufiger. Entsprechend kann die im Kernspin nachweisbare winzige Veränderung im Hippocampus nicht alles sein.

Kristina Szabo, Gedächtnisforscherin von der Neurologischen Universitätsklinik in Mannheim, hat dafür ein brillantes Bild gefunden. Sie vergleicht die sichtbaren Veränderungen mit den Rücklichtern eines Zuges. Der Zug ist viel grösser als die Rücklichter – und er ist längst vorbei, wenn man die Lichter sieht.

Viele Experten sehen als Ursache für den Ausfall des Gedächtnisses eine vorübergehende Durchblutungsstörung im Gehirn. Laut ihrer Hypothese wird sie durch den sekundenlangen Überdruck ausgelöst, auf den vor allem Teile der Hippocampi besonders empfindlich reagieren.

Was aber nicht ganz zu dieser Hypothese passt, ist, dass Menschen mit einer TGA-Episode keine Risikopatienten für Durchblutungsstörungen sind. Sie sind nicht verstärkt gefährdet, etwa einen Schlaganfall oder einen Herzinfarkt zu erleiden. Und auch das Risiko für eine zweite TGA ist äusserst gering.

Zusammenhang mit Migräne

Auffällig ist dagegen, dass Menschen mit einer TGA oft auch Migränepatienten sind. Der Migränespezialist Hans-Christoph Diener von der Universität Duisburg-Essen, mein ehemaliger Chefarzt, sagt: «Ich gehe davon aus, dass die TGA eine sehr spezielle Auraform einer Migräne ist, allerdings ohne die Kopfschmerzphase.»

Eine Aura ist ein häufiger Vorbote einer Migräneattacke: Meist besteht sie aus ausgeprägten, halbseitig flimmernden Sehstörungen, seltener aus Sprachstörungen, Lähmungen oder anderen Ausfällen. Danach folgen bei den meisten Patienten heftige Kopfschmerzen. Die Aura selbst entsteht durch wandernde Erregungsstörungen von Nervenzellen, die wie eine Welle über Teile der Hirnrinde ziehen. Je nach Ort verursachen sie unterschiedliche Ausfälle oder Fehlwahrnehmungen. Sollte eine solche Welle über die Hippocampi und andere Regionen ziehen, wäre auch ein Gedächtnisausfall denkbar. Auch ich erlebe gelegentlich eine Aura mit Sehstörungen – ohne spätere Kopfschmerzen.

Diener sagt: «Wir beobachten eine TGA-Häufung im Winter, beim ersten Schneeschaufeln. Zudem ist lange bekannt, dass ungewohnte körperliche Anstrengung wie auch Stress eine Migräneattacke, eine Aura und eben auch eine TGA auslösen können.» Allerdings reichen weder Schwimmen noch Heben noch Schneeschippen allein aus, um eine TGA zu verursachen. Es muss also noch etwas anderes hinzukommen. Zumal sich ein solcher Ausfall fast nie wiederholt und selten ist – schätzungsweise gibt es jährlich 5 bis 10 Fälle pro 100000 Personen.

Allerdings dürften viele Fälle übersehen werden. Nachdem ich in einem eigenen Podcast über mein Erlebnis berichtet hatte, wurde ich mit Fallbeschreibungen überschüttet. Viele der Betroffenen hatten keinen Arzt aufgesucht und dementsprechend auch keine Diagnose erhalten. Die Dunkelziffer der TGA dürfte deshalb hoch sein.

Diese Form der vorübergehenden Amnesie wirkt zwar überaus bedrohlich, sie ist aber keine Krankheit. Es bedarf weder einer umfangreichen Diagnostik noch weiterer Behandlungen. Leider läuft es oft ganz anders: Übervorsichtige oder unwissende Ärzte machen aus gesunden Menschen lebenslang verunsicherte Patienten. Darauf lassen zahllose Zuschriften, aber auch Gespräche mit Arztkollegen schliessen.

Ich hatte Glück und erlebte verantwortungsvolle Ärzte: Sie entliessen mich nach nur einer Nacht aus der Klinik. Sie gaben mir weder Medikamente noch Verhaltenstipps. Sie sagten: «Sie sind nicht krank. Sie haben nur ein ungewöhnliches Erlebnis gehabt, das nicht gefährlich ist und das nicht wiederkommt.» Diese Entwarnung war richtig und wichtig: Ich habe bis jetzt keine weitere Episode erlebt - und erinnere mich entspannt an meinen verlorenen Ferientag in Finnland.

Passend zum Artikel

Ohne Erinnerung an die frühe Kindheit Die ersten Lebensjahre bleiben ein weisser Fleck im Gedächtnis. Werden weniger Erinnerungen gespeichert, oder werden sie schneller vergessen?

Lena Stallmach

Das Gehirn muss vergessen können Erinnerungen verblassen schnell. Das ist manchmal enttäuschend. Aber nur wer vergisst, kann Ordnung in seine Erinnerungen bringen.

Katrin Blawat

Vorübergehende Amnesie: Ein Tag ohne Gedächtnis (2024)

References

Top Articles
Latest Posts
Article information

Author: Clemencia Bogisich Ret

Last Updated:

Views: 5873

Rating: 5 / 5 (60 voted)

Reviews: 83% of readers found this page helpful

Author information

Name: Clemencia Bogisich Ret

Birthday: 2001-07-17

Address: Suite 794 53887 Geri Spring, West Cristentown, KY 54855

Phone: +5934435460663

Job: Central Hospitality Director

Hobby: Yoga, Electronics, Rafting, Lockpicking, Inline skating, Puzzles, scrapbook

Introduction: My name is Clemencia Bogisich Ret, I am a super, outstanding, graceful, friendly, vast, comfortable, agreeable person who loves writing and wants to share my knowledge and understanding with you.